18. November 2021 / Daniel Gräfe

Die neue Gründerwelle

Ein Artikel von Daniel Gräfe, mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Zeitung
[Bild: Mar/c Feix Photography]

Mithilfe der Start-up-Plattform Gründermotor soll der Mittelstand der Zukunft entstehen und Baden-Württemberg für Kapitalgeber attraktiver werden. Die Macher sprechen von einer „Gründerwelle“ und einer neuen Generation von Start-ups im Land.

Stuttgart - Adrian Thoma (38) mag das Gefühl, die Welt mit einer guten Idee verändern zu können. Am liebsten stößt er neue Geschäftsideen an, sieht sie zu Unternehmen wachsen, die auch international Eindruck hinterlassen. So war es, als er 2008 seine erste Firma Simpleshow für einfache wie unterhaltsame Erklärvideos gründete und sie 2013 mit fast 100 Mitarbeitern verkaufte. So könnte es jetzt auch jenen Existenzgründern gehen, die sich im Stuttgarter Start-up-Zentrum Steyg zu Meisterklassen versammeln.

Die Meisterklassen sind das wichtigste Sprungbrett von Gründermotor, einer hochschulübergreifenden Plattform für Baden-Württemberg. 2018 wurde sie von der Uni Stuttgart, der Vector-Stiftung und Thomas Pioniergeist GmbH als Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Wirtschaft entwickelt; in den kommenden beiden Jahren wird sie von der Landesregierung mit 1,6 Millionen Euro unterstützt. Ihr Anspruch ist es, für einen neuen Mittelstand im Land die Grundlagen zu schaffen. „Wir suchen Einhörner mit Enkeltauglichkeit“, sagt Thoma. Einhörner sind Start-ups, die mindestens eine Milliarde US-Dollar wert sind.

Ein markiger Spruch. Doch wer als Gründer nicht groß und plastisch denkt, der wird oft auch nur Kleines schaffen. Für Bescheidenheit ist in der digitalen Plattformwelt kaum Platz. Auch wer in der Nische entwickle, müsse heute weltweit sofort sichtbar sein, sagt Thoma.

Die Bewunderung für die Familienunternehmen im Land ist groß

Man müsse auch mal viel mehr Geld ausgeben, als es Einnahmen gebe, um eine Idee, ein Geschäftsmodell am Markt durchzusetzen. Er bekomme „eine Gänsehaut“, wenn er mit jenen familiengeführten Mittelständlern spreche, die den Südwesten so erfolgreich gemacht haben ; er bewundere die Balance zwischen Unternehmertum und dem Fokus auf die Mitarbeiter. „Doch dieses Mindset müssen wir in die neue Welt transformieren, die digitaler, schneller und experimentierfreudiger ist als früher.“

Gründermotor möchte die Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit schaffen, die den Start-ups in Baden-Württemberg über die Landesgrenzen hinaus oft noch fehlen. Im Gegensatz zu den dominierenden Start-up-Zentren wie Berlin und München will Gründermotor die Kräfte über das ganze Land bündeln. Die Voraussetzungen, dass etwas Außergewöhnliches entstehe, seien da, betont Thoma. Die Wissensarbeiter zum Beispiel, die hohe Zahl der Patente, die Erfolgsgeschichten von Unternehmen in Städten und Tälern. „Jetzt müssen wir als Einheit auftreten.“

Mittlerweile sind 22 Hochschulen und Universitäten dabei

Seit der Gründung ist Gründermotor stark gewachsen, betont Eric Heintze von der Uni Stuttgart. Als Gründermotor-Unterstützer stehen inzwischen 15 Firmen im Land bereit, darunter Festo, Stihl, Trumpf, Mahle, Bosch und die EnBW. Die Zahl der beteiligten Hochschulen und Unis stieg auf 22, eine Start-up-Datenbank erfasst mittlerweile 2000 Existenzgründungen an den Hochschulen, die sich wiederum für die halbjährlichen Meisterklassen bewerben können. „Bisher haben wir hier 90 Start-ups betreut. 90 Prozent haben den Sprung in die nächste Finanzierung geschafft“, erzählt Heintze.

Dass mittlerweile jeder Gründer mit einer guten Idee und Beharrlichkeit eine Chance habe, davon sind Heintze und Thoma überzeugt. Überall im Land gebe es für Neugründungen auch jenseits der Universitäten Ansprechpartner, dazu kommen in den größeren Städten, aber auch im Schwarzwald oder am Bodensee große, branchenspezifische Zentren. In praktischer jeder Phase stünden Fördergelder bereit. „Für die Frühphasenförderung würde ich der Landesregierung sogar eine Eins vor dem Komma geben. Im Ländervergleich schneidet Baden-Württemberg dabei extrem gut ab“, betont Thoma.

Lieber eine eigene Firma gründen, anstatt zu Daimler zu gehen

Er und Heintze beobachten mehr Mut und Selbstverständlichkeit bei den Studierenden, wenn es um Gründungen gehe. Studierende suchten sich nach dem Abschluss nicht unbedingt eine Stelle bei Bosch oder Daimler, sondern wagten selbst den Sprung, oft stünde das Thema Nachhaltigkeit im Zentrum. „Es kommt eine neue Generation, die etwas bewirken will“, glaubt Heintze.

Es gehe derzeit ein Zeitfenster auf, ergänzt Thoma. „Wir stehen in Baden-Württemberg vor einer neuen Gründerwelle.“ Die wichtigste Gründermotor-Aufgabe sei derzeit, noch mehr Familienunternehmer und vor allem Wagniskapitalgeber für die Start-ups im Land zu begeistern. Schon jetzt zeige sich, dass Start-ups nicht nach Berlin müssten, um sich weiterzuentwickeln. 

78 Prozent der Start-ups im Land lobt die Nähe zu den Unis

Die positive Entwicklung spiegelt auch der Start-up-Monitor wider, den die Beratungsgesellschaft PwC und der Bundesverband Deutsche Start-ups Ende Oktober veröffentlichten. Hier lobten 78 Prozent der Südwest-Gründer die sehr gute Nähe zu den Unis – etwas mehr als der Bundesschnitt. Das Start-up-Ökosystem schnitt insgesamt gut ab, wobei weniger Südwest-Start-ups staatliche Fördermittel erhielten als der Bundesschnitt. Auch die Zahl der Mitarbeiter hinkt mit im Schnitt sieben vor allem gegenüber den Zentren Berlin und Hamburg hinterher.

Auch deshalb nehmen sich die Gründermotor-Macher selbst in die Pflicht. Man müsse Erfolge zeigen, dass die Landesmittel für die Plattform auch noch in einigen Jahren fließen, betonen sie. „Gründermotor muss jetzt liefern“, weiß Thoma. 

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Kontakt

Dieses Bild zeigt Melanie Minderjahn
M. A.

Melanie Minderjahn

Wiss. Mitarbeiterin, Referentin für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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